Überraschungs-Gold und zweimal Bronze bei der Hallen-DM

Überraschungs-Gold und zweimal Bronze bei der Hallen-DM

Mit einem Titel, zwei Medaillen und vier weiteren Top8-Platzierungen kehren neun Leichtathletinnen und Leichtathleten der LG Stadtwerke München von den diesjährigen Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund zurück. Heraus ragt der 60-Meter-Titelgewinn von Amelie-Sophie Lederer. Je eine Bronzemedaille holten Katharina Trost über 1500 Meter sowie Hochspringer Tobias Potye. Leer aus ging diesmal Christina Hering. Die fünffache Deutsche Hallenmeisterin hatte seit 2014 in jedem Jahr mindestens eine Medaille gewonnen. Am Sonntagnachmittag erlebte sie in Führung liegend einen für sie seltenen Leistungseinbruch.

Sprint: Amelie-Sophie Lederer gewinnt sensationell den Titel

Die Sprints der Frauen zählten zu den absoluten Highlights am ersten Wettkampftag der diesjährigen Hallen-DM und sie endeten mit einer faustdicken Überraschung: Die Deutsche Hallenmeisterin des Jahres 2021 im 60-Meter-Sprint heißt Amelie-Sophie Lederer von der LG Stadtwerke München! Die 26-jährige gehörte im Feld der 20 Sprinterinnen zwar zum erweiterten Favoritenkreis, dass sie in der Dortmunder Helmut-Körnig-Halle aber sowohl ihr Halbfinale als auch den Endlauf dominieren würde, war so nicht vorherzusehen.

Mit ihrer Zeit von 7,20 Sekunden setzte Amelie-Sophie Lederer bereits im Halbfinale ein Ausrufezeichen.

Nach der besten Halbfinalzeit im Feld befand sich Lederer fürs Finale urplötzlich in der Rolle der Gejagten. Auf Bahn fünf stellte die Athletin aus der Spitzensportförderung der Bayerischen Polizei ihren Startblock auf. Der erste Startversuch misslang und wurde zurückgeschossen. Doch alle acht Finalistinnen erhielten nach einer grünen Karte einen weiteren Versuch. Dieser glückte und ab der Mitte des Rennens löste sich Lederer vom Feld und stürmte als Erste ins Ziel. Mit 7,26 Sekunden angereist, steigerte sie sich zunächst auf 7,20 Sekunden und schlussendlich sogar auf eine überragende Siegeszeit von 7,12 Sekunden. Sieben der acht Sprinterinnen im Finale liefen auf der schnellen Dortmunder Bahn zu einer Saison- oder gar persönliche Bestleistung. Zweite hinter der Münchnerin wurde Jennifer Montag (TSV Bayer 04 Leverkusen) vor der mit 7,19 Sekunden zeitgleichen Titelverteidigerin Lisa Marie Kwayie (Neuköllner SF).

Viele, sehr viele 60-Meter-Rennen hat es alleine bei 68 Auflagen deutscher Hallenmeisterschaften schon gegeben. Lederers 7,12 Sekunden haben dennoch Seltenheitswert. In der „Ewigen“ deutschen Hallenbestenliste reiht sie sich auf einem geteilten zehnten Platz ein. In der aktuellen europäischen Bestenliste klettert sie als beste Deutsche auf Rang drei. Ganz und gar pulverisiert hat sie den bisherigen bayerischen Bestwert in dieser Disziplin. Den hielt mit 7,23 Sekunden seit 2008 keine Geringere als die 100-Meter-Europameisterin von 2010, Verena Sailer. Ein Interview mit Lederers Trainer Patrick Saile lesen Sie hier.

Ich bin sprachlos! Ich habe damit überhaupt nicht gerechnet. Ich bin hierher gereist, um unter die ersten Drei zu kommen und eine Medaille mit nach Hause zu nehmen. Dass es jetzt der deutsche Meistertitel ist mit so einer Zeit, macht mich unglaublich stolz. Das Training lief gut, sehr gut sogar. Aber dass so eine Zeit dabei rauskommt, hätte ich nie gedacht. Die 7,20 Sekunden im Halbfinale waren schon echt sensationell. Die Hallen-EM hatte ich schon ein bisschen im Hinterkopf, aber fester Bestandteil meines Plans für die Hallensaison war sie nicht. Umso glücklicher bin ich, dass ich jetzt zur Hallen-EM mitfahren kann. Wir haben im Training eigentlich gar nichts umgestellt. 2018 habe ich meinen Trainer gewechselt. Das trägt jetzt Früchte. Das Training bei Patrick Saile macht mir unglaublich Spaß. Mein Trainer ist gerade jetzt in der Schweiz bei den Schweizer Meisterschaften, deshalb war er heute hier gar nicht dabei. Jetzt gilt es, die Hallensaison erfolgreich zu beenden, und dann liegt der Fokus auf dem Sommer.

Amelie-Sophie Lederer zwischen Finale und Dopingkontrolle bei leichtathletik.de


In der 60-Meter-Konkurrent trat mit Tina Benzinger noch eine zweite LG-SWM-Athletin an. Die letztjährige Dritte der deutschen U20-Meisterschaften über 100 Meter wurde in ihrem Halbfinallauf Siebte und blieb mit der Zeit von 7,54 Sekunden gerade mal zwei Hundertstelsekunden über ihrer persönlichen Bestleistung. Im Endklassement bedeutete diese Leistung Gesamtrang 16.

Im 60-Meter-Wettbewerb der Männer mischten ebenfalls zwei Münchner mit. Yannick Wolf zog bei seinem ersten DM-Einzelstart über diese Distanz nach 6,72 und Rang zwei im Halbfinale in den Endlauf ein. Dort lief der 20-jährige zwar im Bereich seiner persönlichen Bestleistung über die Ziellinie, sah aber „läuferisch noch deutlich Luft nach oben“. Seine 6,67 Sekunden bescherten ihm in einem der schnellsten deutschen Finals aller Zeiten Rang sechs. Reihenweise purzelten im Endlauf die persönlichen Bestleistungen. Am besten lief es für den neuen Deutschen Meister Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar), der mit europäischer Bestleistung von 6,52 Sekunden den bisherigen Meisterschaftsrekord und Deutschen Rekord von Julian Reus einstellte.

Mit 6,72 Sekunden zog Yannick Wolf (Mitte) ins Finale ein, bei dem er sich als Sechster auf 6,67 Sekunden steigerte.

Mit von der Partie war über die 60 Meter auch Fabian Olbert. Der letztjährige deutsche U20-Hallenmeister befindet sich nach einer Schulterverletzung infolge eines Sturzes im letzten Sommer auf dem Weg zurück zu alter Stärke. Im Halbfinale in Dortmund benötigte er 6,79 Sekunden, die ihn in der Gesamtwertung Rang zwölf im 22er-Feld einbrachten.

Der erst 20-jährige Fabian Olbert (links) verpasste mit 6,79 Sekunden knapp das Finale der schnellsten Acht.


Mittelstrecke: Bronze für Trost, Hering bricht auf der Schlussrunde ein

Die 1.500-Meter-Rennen gehörten zu den spannendsten Entscheidungen der diesjährigen Hallenmeisterschaften. Bei den Herren überholte der Wattenscheider Marius Probst nach einem Herzschlagfinale noch kurz vor dem Ziel den zwischenzeitlich weit enteilten Homiyu Tesfaye (TSV Pfungstadt). Und auch beim Lauf der Frauen blieb der Puls der Live-Stream-Zuschauer im oberen Bereich. Hier machte sich lange Zeit Mitfavoritin Caterina Granz (LG Nord Berlin) ums Tempo verdient. In Lauerposition hinter ihr laufend behielt LG-Stadtwerke-München-Athletin Katharina Trost stets die Medaillenränge im Blick. Für sie war es das erste 1.500-Meter-Meisterschaftsrennen auf nationaler Ebene unter dem Hallendach. Vor der Schlussglocke, die die letzte Runde einläutet, schob sich die zweifache Europameisterin und WM-Bronzemedaillengewinnerin Gesa Krause erst auf den zweiten und dann auf den ersten Platz, den sie bis ins Ziel (4:12,82 Minuten) nicht mehr abgab. 800-Meter-Spezialistin Katharina Trost (4:13,48 Minuten) kämpfte bis zum Schluss, um noch an der Berlinerin (4:13,48 Minuten) vorbeizukommen, hatte letztlich allerdings hauchdünn das Nachsehen.

Der 1.500-Meter-Lauf der Frauen entwickelte sich zu einem Dreikampf zwischen Katharina Trost, Gesa Krause und Caterina Granz (v.l.n.r.)

Mit dem Ziel, ihren sechsten Hallen-DM-Titel zu ergattern, ist Christina Hering ins 800-Meter-Rennen gegangen. Schon oft hat sie gezeigt, dass sie nationale Meisterschaften von vorne, also an der Führungsposition laufend, gewinnen kann und hat es auch in Dortmund mit dieser Taktik versucht: Direkt nach dem Startschuss setzte sich die 1,85-Meter-große Läuferin an die Spitze des Feldes und sorgte für ein gleichmäßiges, flottes Tempo. Die 400 Meter passierte sie nach 60,29 Sekunden und auch bei 600 Meter (1:31,57) sah es noch so aus, als ginge der Titel nur über die Münchnerin. Auf der letzten Runde konnte sie ihre Geschwindigkeit allerdings nicht aufrechterhalten. So zogen nacheinander die Konkurrentinnen Tanja Spill, Sarah Schmidt, Majtie Kolberg und – kurz vor dem Ziel – auch noch Nele Weßel vorbei. Siegerin Spill erzielte 2:03,06 Minuten. Für Christina Hering, die eine Freiluftbestleistung von 1:59,41 Minuten aufweist, blieb nur der fünfte Platz in zu vernachlässigenden 2:06,40 Minuten.

Es war bei 650 Meter so als wurde mir der Stecker gezogen. Ich war sozusagen „out of order“ und kann mich auch an die letzten 150 Meter des Rennens nicht mehr erinnern. Für mich kam das total überraschend. Ein vergleichbarer Einbruch ist mir bisher nur bei der WM in Doha 2019 passiert, was damals auf Probleme mit der Hitze zurückzuführen war. Das war diesmal vermutlich nicht der Grund. Einerseits bin ich natürlich sehr enttäuscht über mein Abschneiden, andererseits weiß ich ja, dass ich in guter Form bin. Erst letzte Woche konnte ich ein international gut besetztes Rennen (Anm. der Red.: in Luxemburg) für mich entscheiden.

Christina Hering in einer ersten Reaktion vor ihrer Rückreise nach München


Mit Jana Reinert mischte eine weitere Läuferin der LG Stadtwerke München im 800-Meter-Zeitendlauf mit. Die 22-Jährige wurde in 2:07,89 Minuten Siebte. Auf allen Laufstrecken sind die Vorläufe aufgrund des strengen Hygienekonzepts der diesjährigen Hallen-DM dem Rotstift zum Opfer gefallen.

Tobias Potye von der LG Stadtwerke München
Im Innenraum der Helmut-Körnig-Halle durften die Hochspringer zwischen ihren Versuchen entspannt Platz nehmen. Bronze-Gewinner Tobias Potye wechselte bei 2,10 Meter ins Wettkampf-Dress.


Hochsprung: Tobias Potye gewinnt sein drittes Edelmetall in der Halle

Sein Start in Dortmund stand auf der Kippe. Vor einer Woche, beim Meeting in Luxemburg, machte sich bei Hochspringer Tobias Potye eine alte Knieverletzung wieder bemerkbar. „Ohne seitdem jeden Tag bei der Physiotherapie gewesen zu sein, wäre ich heute nicht gesprungen“, meint der 25-jährige. Bis auf ein Tape am linken Knie sah man es dem deutschen Hallenvizemeister von 2018 und 2020 nicht an. Mit erfolgreichen Erstversuchen über 2,10, 2,14 und 2,17 Meter startete er optimal in den Wettkampf. Drei Springer waren bei dieser Höhe noch im Wettbewerb verblieben. Nicht unter ihnen war Europameister Mateusz Przybylko (TSV Bayer 04 Leverkusen), der die 2,17 Meter offenbar aufgrund einer Fußverletzung nicht überqueren konnte. Eine Medaille war Potye also bereits sicher. Anders als Jonas Wagner (Dresdner SC 1898) und Falk Wendrich (LAZ Soest) benötigte der Münchner bei 2,20 Metern den Zweitversuch, weshalb er in diesem Dreikampf die letzte Position einnahm. Nach einem Fehlversuch über 2,23 Meter nahm Potye seine verbleibenden Versuche mit zur nächsten Höhe. Doch die 2,26 Meter waren an diesem Nachmittag zu hoch für den Schützling von Sebastian Kneifel. Es blieb beim Bronzerang und der festen Überzeugung: „Ich habe mehr drauf!“ Falk Wendrich verdiente sich mit übersprungenen 2,23 Meter die Silbermedaille. Zum Überraschungssieger avancierte Jonas Wagner. Der Dresdner war mit einer Bestleistung von 2,22 Meter angereist und durfte am Ende über eine Siegeshöhe von 2,28 Meter jubeln.

2017 und 2020 wurde Tobias Potye Deutscher Vize-Hallenmeister. In diesem Jahr sprang die Bronzemedaille heraus.

In der Frauenkonkurrenz vertrat Lavinja Jürgens erstmals bei einer Meisterschaft die Münchner Farben. Und die 21-jährige schrammte als Vierte nur knapp an einer Medaille vorbei. 1,83 Meter hätten am Sonntagnachmittag voraussichtlich fürs Podest gereicht, doch nach im Erstversuch übersprungenen 1,80 Meter war für die Jurastudentin Schluss. Trainerin und Mutter Cora Jürgens kennt die Gründe:

Ihr schneller Fuß und ihre Explosivität, was ihre größte Stärke ist, haben aufgrund einer Schienbeinverletzung zuletzt sehr gelitten. Wir können seit Monaten kaum noch durchgängig voll trainieren, was sich nun bemerkbar gemacht hat. Lavinja setzt die technischen Ziele gut um, aber insgesamt war das heute eine große Enttäuschung für uns, da sie ganz klar alles mitbringt, was für 1,86 Meter benötigt wird.

Cora Jürgens zum Abschneiden ihrer Tochter Lavinja


Die Hochsprung-Konkurrenz gewann Alexandra Plaza (LT DSHS Köln) mit einer Höhe von 1,86 Meter vor Christina Honsel (TV Wattenscheid 01) und Lea Halmans (SV Go! Saar 05), für die 1,83 Meter in die Wertung eingingen.

Lavinja Jürgens startet erst seit diesem Jahr für die LG Stadtwerke München.

Alle Ergebnisse der Deutschen Hallenmeisterschaften 2021 gibt es hier. Zahlreiche Video-Clips des Wochenendes finden Sie hier.

Sämtliche Bilder: Theo Kiefner

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