Emotionale Momente in einem ganz besonderen Stadion

Gänsehaut pur! Erst Stille, dann ein Schuss und plötzlich wird es richtig laut. Das alterwürdige Hayward Field in Eugene – der selbsternannten „Track Town“ der USA, also DER Leichtathletik-Stadt schlechthin – ist das Wembley-Stadion der Leichtathletik. Und in dieser einzigartigen Atmosphäre fanden jetzt die U20-Weltmeisterschaften statt. Mit dabei: Laurin Walter. Als einziger bayerischer Sprinter.

Und auch wenn es sportlich nicht ganz nach Plan lief, fällt sein Fazit positiv aus: „Es war eine unvergessliche Erfahrung und etwas ganz besonderes bei so einer tollen Atmosphäre zu laufen.“

Die Bewohner in der Universitätsstadt im Bundesstaat Oregon gelten als leichtathletikverrückt, sind wahre Experten, sehr fachkundig. „Die Unterstützung der Zuschauer war atemberaubend“, stellte auch Laurin Walter fest.

Zwei Wochen war der 18-Jährige im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, erst in einem Vorbereitungstrainingslager in Salem, dann bei den Meisterschaften. Bis er endlich an den Start durfte, musste Walter aber lange warten: „Der Alltag war natürlich vom Training geprägt, um sich optimal auf die WM vorzubereiten. Allerdings nutzten wir die Tage auch zum Einkaufen für daheim oder einfach um Amerika ein wenig näher kennen zu lernen.“

Christian Walter mit Sohn LaurinAm vorletzten WM-Tag stand der Vorlauf über 4x400m auf dem Programm. Und so hieß es erst einmal auf der Tribüne sitzen und mit den anderen deutschen Athleten mitfiebern: „Die Stimmung im Team war bombastisch und jeder Athlet wurde schon bei der Vorstellung im Wettkampf frenetisch vom deutschen Team auf der Tribüne gefeiert, was auch einige Amerikaner sehr beachtlich fanden und uns das auch mitteilten.“

Eigentlich hatte der Abiturient auch auf einen Einzelstart in Eugene gehofft, verfehlte mit seiner Saisonbestleistung von 47,56 Sekunden die sehr hohe Norm des Deutschen Leichtathletik Verbands um 3 Zehntelsekunden. „Regeln und Normwerte sind dazu da, dass sie eingehalten werden. Das akzeptiere ich. Laurin hat die internationale Norm (48,50 sec.) deutlich unterboten. Er ist seit vier Jahren die Nummer eins in den Deutschen Bestenlisten und war bereits im vergangenen Jahr bei der U18-WM“, so sein Vater Christian Walter, der gleichzeitig sein Trainer ist. Trotzdem war er ein wenig enttäuscht über die Nichtberücksichtung: „Ich sehe in ihm einen Perspektivathleten, dem ich immer die Gelegenheit einräumen würde, bei einer internationalen Veranstaltung zu starten, zumal er ohnehin vor Ort war.“

Beim 400m-Einzelrennen war sein Sohn nicht nur vor Ort, sondern auf der Tribüne, musste tatenlos mit ansehen, wie die internationale Konkurrenz die Stadionrunde bewältigte: „Das war für mich äußerst schwer, da man mit Zeiten ins Halbfinale gekommen ist, die ich schon mehrfach diese Saison erbracht habe. Und da wir auf diesen Saisonhöhepunkt hingearbeitet haben, wäre noch mehr drin gewesen.“

Und das wollte der Abiturient dann als Schlussläufer der deutschen 4x400m-Staffel unter Beweis stellen, doch von Anfang an stand das Rennen unter keinem guten Stern. Als Walter das Staffelholz übernahm, das Rennen aus deutscher Sicht eigentlich schon gelaufen: „Es war ungemein schwer, als Schlussläufer auf Position 4 und 20-30m Abstand auf Platz 3 noch etwas nach vorne auszurichten. Von daher hab ich einfach alles gegeben, doch wir haben insgesamt nicht unsere Leistung abgerufen und sind dadurch verdient ausgeschieden.“

Besonders ärgerlich: Hätte das deutsche Quartett seine Leistung vom letzten Norm-Wettkampf in Mannheim abgerufen, hätte es sich locker für das Finale der besten Acht qualifiziert. „Das war schon enttäuschend. Jamaika, die Bahamas und Japan liefen weit vorne weg, so dass unsere Jungs immer wieder versuchen mussten mit viel Aufwand die Lücke zu schließen. Das kostete zuviel Energie und reichte am Ende nicht“, so das Fazit von Christian Walter, der erstmals bei einer großen Meisterschaft seines Sohnes nicht live vor Ort war. „Der berühmte ‚Walterische Pfiff‘ war im Hayward Field also nicht zu hören: „Es war sehr ungewohnt, doch wir hatten oft Kontakt über Skype“, so Laurin Walter. Beim Staffelrennen saß sein Vater zu Hause – mitten in der Nacht in Deutschland – vor dem Laptop: „Ich fiebere immer mit. Egal ob im Stadion oder vor dem Fernseher. Doch vor dem TV habe ich eben nicht das Gefühl, noch ein wenig positiven Einfluss nehmen zu können. Da bleibt mir die Rolle des passiven TV-Zuschauers. Es war hart – Vor allem, weil der angepeilte und erreichbare Erfolg nicht erzielt wurde.“

Trotzdem nehmen beide viel mit von dieser WM: „Ich habe gelernt, wie man mit Rückschlägen umgeht und dass diese auch zum Leistungssport dazu gehören. Der Sport kann schön sein und Spaß machen, aber er kann auch brutal hart sein, was er in Eugene war“, so Laurin Walter. Und noch ist die Saison nicht zu Ende. Mit den Deutschen Jugend-Meisterschaften vom 8. bis 10. August in Wattenscheid wartet schon der nächste Höhepunkt. Und der 18-Jährige ist optimistisch: „Meine Erlebnisse und auch Rückschläge sind schon weitestgehend verarbeitet. Jetzt gilt es die Spannung wieder aufzubauen und in Wattenscheid zu zeigen, was ich tatsächlich drauf habe.“ Und sein Vater und Trainer weiß: „Wer jetzt am schnellsten den Kopf frei bekommt, die Zeitumstellung früh verkraftet und die Bereitschaft hat, noch mal alles zu geben, der wird in Wattenscheid erfolgreich sein.“

Emotional wird die WM in Eugene nicht zu toppen sein. „Die Amerikaner waren sehr ‚Deutschland-begeistert‘. Es gab einige Glückwünsche zum WM-Triumph des DFB und nahezu alle Nationen wollten mit uns Sachen tauschen.“ Also irgendwie doch ein bisschen Wembley Stadion im Hayward Field.