Fabian Olbert und die 100 Meter

Dass die Übergangsphase nach der Hallensaison vorbei ist, merkt man unter anderem daran, dass Fabian Olbert etwas steif die Treppe zum Interview-Treffpunkt „herunterrumpelt“. Nein, verletzt ist der Münchener-Vorzeigesprinter glücklicherweise nicht, lediglich ein gehöriger Muskelkater sorgt für den holprigen Gang. Wie jeder weiß, klingt eine intensive Belastung nach einer größeren Sportpause nun einmal etwas länger nach. Noch stärker werden die Muskelschmerzen, wenn Trainer Michael Ehrenreich ein hartes Kraftprogramm auf dem Zettel hat. Die Regenerationsphase nach dem Winterhöhepunkt ist also vorbei. Der Fokus liegt schon jetzt auf der Freiluftsaison, die mit der U20-Weltmeisterschaft in Nairobi/Kenia (7. bis 12. Juli) ein attraktives Ziel für Fabian Olbert bereithält.

Nachdem er mit seiner 60-Meter-Zeit von 6,65 Sekunden den zweiten Platz in der globalen Hallenbestenliste in seiner Altersklasse innehat, würde er bei der Junioren-WM schon sehr gerne „vorne mitrennen“. Obwohl es in seinem Leistungsbereich äußerst knapp zugeht, formuliert der Elektrotechnik-Student seine Ziele sehr selbstbewusst. Da könnte man fast vergessen, dass er 2020 noch der U20-Klasse angehört. Auch auf der Bahn lässt er sich nicht von großen Namen einschüchtern. Beispielsweise verwies er den mehrfachen deutschen Rekordhalter (sowohl über 60 Meter in der Halle als auch über 100 Meter) Julian Reus im Halbfinale der nationalen Hallenmeisterschaften auf den zweiten Rang. Beim bzw. vor dem Finale der acht schnellsten Männer wurde ihm seine geringe Erfahrung dann allerdings doch zum Verhängnis. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten wusste der mit Abstand jüngste Athlet dieser Entscheidung nicht, dass es bei einem Turnier über mehrere Runden sinnvoll ist, zwischen den Rennen Elektrolyte zuzuführen. Aufgrund seiner Aufregung und der hohen Temperaturen im Aufwärmbereich hatte er schon vor dem Startschuss (zu) viel Flüssigkeit, Nährstoffe und damit auch seine Chancen auf eine vordere Platzierung verloren. Der vermeidbare Fehler sorgte bei dem LG Stadtwerke München Athleten bei einem Fehlstart eines Konkurrenten für das Verkrampfen gleich beider Waden. Aufgrund dieser Einschränkung konnte er sein übliches Leistungsvermögen nicht abrufen und ihm blieb mit 6,74 Sekunden nur der siebte Platz.

Dieser Lauf stellt den einzigen Wermutstropfen einer Hallensaison wie aus dem Bilderbuch dar. Fabian Olbert eilte von Sieg zu Sieg, wurde souverän Deutscher Jugendmeister und verbesserte mehrfach den Bayerischen U20-Rekord über 60 Meter. Gerade ein Rekord ist seiner Meinung nach immer etwas ganz Besonderes und das Verfallsdatum erheblich später als z. B. ein Titel bei einer Nachwuchsmeisterschaft. Aus diesem Grund hat ihm definitiv auch die Leistung der blutjungen Münchener 4×200-Meter-Staffel gefallen, die er als Startläufer anführte. Mit 1:25,69 min holte das Quartett nicht nur die Bronzemedaille bei den Aktiven, sondern sorgte für einen weiteren Eintrag in die Rekordlisten (Bayerischer U23-Rekord). Der Staffelstart – nur einen Tag nach dem beschriebenen Wadendrama – zeugt davon, dass Fabian Olbert auch Mannschaftsleistungen am Herzen liegen. Zwar sieht er sich nach wie vor in erster Linie als Einzelsportler, doch für Staffelrennen – insbesondere wenn es bei internationalen Meisterschaften darum geht, sein Land zu repräsentieren – steht der 4×100-Meter-Staffeleuropameister des vergangenen Jahres (U20) gerne zur Verfügung.

Den bayerischen U20-60-Meter-Rekord hat er übrigens Christian Blum abgenommen. Der damalige Hallenspezialist, der im Trikot der LG Quelle Fürth/München 1860/LAZ Würzburg an den Start ging, kennt seinen Nachfolger zwar nicht persönlich, doch hat er als Leichtathletik-Fan die Leistungen natürlich verfolgt. „Ich freue mich, dass es in Bayern wieder einen Sprinter gibt, der so schnell unterwegs ist und hoffe, dass er von Verletzungen verschont bleibt, die Leistung im Sommer umsetzen kann und dass es für ihn noch weitergeht“, so der heutige Steuerinspektoranwärter Christian Blum.

Dass auch Fabian Olberts Stärken klar auf den ersten Metern liegen, ist kein Geheimnis. Damit die 100 Meter nicht zu lang werden, hat sein Trainer Michael Ehrenreich vor allem die beiden folgenden Schwerpunkte im Visier:

  • Über intensives Schnelligkeitsausdauertraining soll der Geschwindigkeitsabfall, der sich am Ende der 100-Meter-Strecke nicht vermeiden lässt, minimiert werden. Ein Beispielprogramm für diese Zielstellung, das von Patrick Saile, Teamleiter Sprint im BLV, entwickelt wurde, lautet 2x4x80 Meter in hoher Intensität (95%) mit nur zweiminütiger Pause (Serienpause: 5 min). Hinzu kommen geplante Wettkampfstarts über 200 Meter.
  • Daneben soll sich – wenn möglich – die Maximalgeschwindigkeit im freien Sprint erhöhen. Dazu arbeiten sie mit Hilfe von Technikanalysen und spezifischen Sprintübungen akribisch an den sog. Front-Side-Mechanics. So wird eine Sprinttechnik bezeichnet, die sich durch eine relativ geringe vordere Stützphase (Aufsatz nur knapp vor dem Körperschwerpunkt), einen Fußaufsatz mit vergleichsweise gestrecktem Kniegelenk und nur sehr geringem Nachgeben während des Stützes auszeichnet.

Können die beschriebenen Trainingsziele umgesetzt werden und bleibt der Athlet gesund, sind sich Trainer und Schützling sicher, dass bei einer schnellen Bahn, anspruchsvoller Konkurrenz und guten Bedingungen die Steigerung der bisherigen Bestleistung (10,45 s) auf eine Zeit von unter 10,30 Sekunden machbar ist. Der beschriebene Ansatz wurde schon seit letztem Herbst verfolgt und erste Erfolge wurden dem Gespann bereits in der zurückliegenden Hallensaison bestätigt. So hat eine biomechanische Messung des Verbands ergeben, dass die letzten 10 Meter des 6,65-s-Rennens der schnellste Abschnitt des Laufs waren. In den Jahren zuvor war hier schon ein Geschwindigkeitsabfall nachweisbar.

Die positive Entwicklung kommt nicht überraschend. Die Konstellation Ehrenreich-Olbert hat sich in den letzten Jahren bewährt, wovon kontinuierliche Leistungssteigerungen in der Paradedisziplin zeugen. Seine Liebe zur Leichtathletik entdeckte der talentierte Nachwuchssprinter in der zweiten Klasse im Alter von acht Jahren. Bereits nach nur zwei Jahren landete er bei seinem heutigen Trainer. Wie der Athlet, so hat sich auch Michael Ehrenreich weiterentwickelt, sich mehr und mehr in die Materie Kurzsprint eingearbeitet. Zu seinen spezifischen Weiterbildungsmaßnahmen gehört auch das umfangreiche Sichten verschiedener Sprintdrills namhafter Sprinten, aber auch durchaus von NFL-Profis. Der Trainer, selbst ein großer Seattle Seahawks Fan, ist überzeugt davon, dass einige der Sprint-ABC-Übungen der starken Jungs auch für deutsche Nachwuchssprinter vorteilhaft sind. Nach weiteren Gründen für die erfreuliche Leistungsentwicklung von Fabian Olbert in dieser Saison gefragt, bringt der Trainer mit einem Augenzwinkern auch noch die Frisur ins Spiel. Nach einer Wette musste sich Fabian Olbert im Trainingslager die Haare blond färben. Erst mit heller Haarpracht – so wird gemunkelt – wurde er richtig schnell. Das Vorbild des Nachwuchssprinters, dessen Haare mittlerweile kurzgeschoren sind, zumindest was den Sprintschritt angeht, ist Christian Coleman. Der 100-Meter-Weltmeister ist – wie der Münchener – relativ kleingewachsen und zeichnet sich durch einen äußert kraftvollen, fast „bulligen“ Laufstil aus. Um der Statur des schnellen Amerikaners näherzukommen, wird der ein oder andere weitere Muskelkater wohl oder übel nicht ausbleiben. Und falls es trotzdem mit den schnellen Zeiten nicht auf Anhieb klappt, gibt es ja immer noch die Möglichkeit, wieder zur Tönung zu greifen.

Beitragsbild: Marcus Buck

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