In seinem letzten Erlebnisbericht, diesmal aus der Läuferhochburg Iten, werden weitere Details aus dem Trainingslagerleben preisgegeben.

Es geht u.a. um (wilde) Tiere und Trainingsphilosophien

Bericht 1; Bericht 2

Gut eine Woche ist seit dem Umzug vergangen, und wir haben uns alle von den strengsten Eltern der Welt erholt.

Als letzte Prüfung vor dem Umzug, hat eine Maus die im Freien liegenden Laufklamotten von Falk als Kreissaal verwendet und ihre Jungen dort platziert. Die Maus ließ sich sogar noch inklusive Nachwuchs in der Kleidung ins Haus tragen und startete erst beim einpacken einen Fluchtversuch. Das plötzliche Auftauchen der Maus veranlasste Falk in einem schockartigen Zustand nur noch dumpfe Schreie von sich zu geben. Die erste Vermutung, er kämpfe mit einem Schwarm Bienen oder einem Rudel herumstreunender Hunde wurden nicht bestätigt, allerdings muss man ihm zugute halten, dass kein Stuhl in der Nähe war auf den er sich hätte retten können ;-).

Der Nachwuchs wurde von uns in einer Salatschüssel untergebracht, während wir Jagd auf die Maus machten. Mit Hilfe einer Trainingstasche als Barriere und eines Brotkastens mit Schiebetür wurde die junge Mutter schließlich gefasst. Wie schon bei der „Maus-Ratte“ wurde die Maus mit Nachwuchs und Brotkasten (als Übergangsbehausung) in die freie Natur entlassen.

Nach dem letzten bestandenen Test durften wir ohne weitere Verzögerung unsere Reise nach Iten antreten.

Das Hotel in dem wir bis zu unserer Abreise residieren (für kenianische Verhältnisse ist das hier wirklich residieren und nicht wohnen), ist ein sehr angenehmes Fleckchen. Aus den Zimmern oder dem Essenssaal haben wir einen phantastischen Blick über das Kerio Valley. Im Ganzen beträgt der Höhenunterschied von unserem Standort bis ins Tal etwa 1400m (2400m ü. N. N.). Bis zur nächsten Kante (2200m ü. N. N.) sind es etwa 100km. Die Rundumsicht ist also ganz passabel.

Zu den optischen Annehmlichkeiten kommt noch eine hervorragende Küche. Drei mal am Tag müssen wir uns mit der Speisekarte oder einem Buffet auseinandersetzen. Uns geht’s wirklich schlecht. Wenn sich das nicht ändert reisen wir Freitag ab.

Hier in Iten scheint auch der Kern allen Läuferdaseins zu sein. An Dienstagen, tummeln sich hier um die 100 kenianischen Läufer auf der Bahn (Sandrunde von ungefähr 400m), wobei neben diesem Haupttrainingstag der Kenianer auch sonst auf der Bahn immer Läufer verschiedener Herkunft anzutreffen sind. In verschiedenen Camps sind Läufer unterschiedlichster Nationen von internationaler Klasse anzutreffen. Briten, Spanier, Schweizer, Deutsche (wir ?), Serben, Schweden, Dänen, ein bis zwei Finnen und wohl noch viele andere von denen wir nicht genau wissen woher sie kommen. Es schwirren hier auch einige Medaillengewinner internationaler Meisterschaften herum, wobei die aus der Masse der Läufer und vor allem deren Qualität nicht herausstechen.

Das Gelände in und um Iten ist bis auf die Bahn ziemlich profiliert, was das Training noch einen Tick anspruchsvoller macht, wobei der Untergrund sehr gut zu belaufen ist und ab und zu durch den feinen Sand das Gefühl eines Teppichs vermittelt.

So das waren mal ein paar Fakten zu den Trainingsbedingungen hier. Da diese Informationen für Sprinter, Springer und Werfer nicht wirklich interessant sind… Heiß ist es auch noch aber das liegt wohl an der Sonne. Das war jetzt für Alle. ?

Hier im Hotel ist auch ab und zu Renato Canova (ital. Trainer einer kenianischen Trainingsgruppe) beim essen anzutreffen. Nach seiner Tätigkeit beim italienischen Verband als Marathonnationaltrainer, hat er in Kenia einige Athleten bis zum Weltmeistertitel geführt. Ich habe ihn einfach mal blöd von der Seite angesprochen und festgestellt, dass Renato Canova gerne und viel übers Laufen erzählt. Es war ein sehr interessantes Gespräch. Wobei es mehr ein Monolog war, der ab und zu durch meine Fragen unterbrochen wurde. Aber das war nicht weiter schlimm, da ich ja wissen wollte welche Trainingsphilosophie und Trainingslehren er vertritt und nicht meine Eigene präsentieren. Im Grunde war es sogar ein Privileg das Gespräch zu führen, da ich sonst nur die Möglichkeit hatte Artikel von ihm zu lesen und jetzt eben sogar nachfragen konnte was mir unklar war oder genauerer Erklärung bedurfte. Mein Training wird sich wegen des Gesprächs nicht groß ändern, da die kleinen Unterschiede nicht zu einem radikalen Umdenken nötigen und jeder ja nach seinen individuellen Anlagen trainieren muss. Aber sich auszutauschen (ich hab in dem Gespräch ja sogar mehr bekommen als hergegeben) über Trainingsansätze und die Mentalität der kenianischen Läufer war ganz nett.

Um weiter in Erinnerung zu bleiben, haben die strengsten Eltern der Welt uns eine „Affenweckertaube“ hinterher geschickt. Das Tierchen startete fast jeden Tag um halb sieben seinen Tag mit einem Dauerton, welcher auch einem Affen zuzutrauen ist. Das beständige hu-hu-hu-hu-hu-hu (usw.) beschränkt sich aber nicht nur auf die Morgenstunden sondern auch der Mittagsschlaf wird dadurch entweder erschwert oder einfach mal beendet. Das Hotelpersonal bastelte zuerst eine Vogelscheuche, die aber den Windverhältnissen auf dem Dach nicht gewachsen war und schon in der ersten Nacht ihren Dienst versagte. Daraufhin wurde ein auf Grautiere (Die Taube ist auch grau) spezialisierter Großwildjäger engagiert. Auf die Frage ob er die Taube jetzt tötet, kam die Antwort: „Nooooo, there are too many, I will kill only one and hang it up to scare the others“. Also entweder hatte der Jäger seine Steinschleuder nicht im Griff und kläglich versagt oder die Taube ist zu doof zu erkennen, dass ihre Artgenossin nicht einfach nur auch auf dem Dach „rumhängt“ oder so verdammt abgebrüht und sagt sich:“ Die hat’s erwischt, da kommt nix mehr“. Die Möglichkeit, dass der Großwildjäger versagt hat liegt am nächsten, da er die Eselpopulation hier auch nicht in den Griff bekommt und seine Spezialisierung wohl auf Mäusen liegt. Aber das können wir ja selber. Auf jeden Fall hat das hu-hu-hu-hu-hu uns weiter pünktlich geweckt.

Da ich heute meine letzte Tempoeinheit hatte, ist das Trainingslager praktisch beendet. Jetzt gibt es nur noch „Füllprogramm“ und ein paar Läufe mit dem Fotoapparat um die Strecken und Landschaften für die Nachwelt zu dokumentieren.

Das freundliche Kindergeschrei, von einem freundlichen, hellen „how are you“ bis zum etwas dreisten „give me your [was immer du gerade dabei hast]“ (war aber selten) wird mir fehlen. Vor allem wenn man an Schulen oder Kindergärten vorbei läuft hat die Mixtur hinterher gerufener „how are you“ ’s was vom Lärmpegel einer Horde Möwen die um einen Fischkutter kreisen glich. ?

Die Leute hier waren sehr freundlich, das Wetter bis auf gerade eben (Wolkenbruch während des Abendessens) sehr stabil, die Laufstrecken schön, der Staub rot und die Autos überwiegend Schrottreif.

Ich verabschiede mich mit einem landestypischen „gooooood price, gooooood quality“ 😉 …

SCHÖN WAR’S